HGR war wieder mit Besuch im Duo unterwegs... aber diesmal glücklicherweise ohne Aussenlandung:

Von Ursula Braunagel

Wenn ich den Leerlauf habe, unsinnige Dinge zu tun, wie zum Beispiel das Anfertigen einer mentalen Liste all der Fähigkeiten, die ich gern vorweisen können würde aber nicht kann; dann kommt schon an dritter Stelle der Rangordnung (nach ‚Früher aufstehen’ und ‚Joggen’) schon das ‚Unverzagte Platzrundenverlassen ohne sich vom Über-Ich verrückt machen zu lassen’ (zur Erinnerung: das sog. Über-Ich ist eine Ansammlung von Stimmen aller der vernünftigen Leute, die seit unserer Kindheit unser moralisches Bewusstsein prägen, d.h.,  es ist der Ort, an dem die Frage erörtert wird, was vernünftig und gut ist).
Kurz, das willentliche und geplante Wegfliegen aus dem Gleitbereich der Piste ist nicht meine Stärke; und Leute, die sich trauen, werden von mir über Gebühr dafür bewundert.

Wobei man natürlich auch sagen muss, dass es schon einige, durchaus auch objektivierbare, Hindernisse gibt, die sich dem unbedarften, um Streckenflug bemühten Segelfluganfänger, schrundig-rostiger Fußangeln gleich, in den Weg begeben.
 
Solcherlei Hürden lassen sich im Wesentlichen in zwei Modelle gliedern:
 
Modell  „Äußere Beeinträchtigungen“

Zu nennen sind hier
 
das Wetter, der Feind Nr.1;  es ist bestenfalls als wankelmütig und launisch zu umschreiben. Unvorhersehbar wie eine Diva auf Diät, boshaft wie Liz Taylor auf Knäckebrot,  zickig wie Ihre Stewardess auf Schlafentzug (man nennt diesen Zustand in der Fachsprache ‚entzügig’; und wenn Sie sich das nächste Mal über Ihren Flugbegleiter ärgern, fragen Sie ihn/sie mal, wann er zuletzt geschlafen hat…).  Zügellos und ungehemmt durchkreuzt es uns die ausgeklügeltsten Pläne und es scheint  sich mit dem eiserner Starrsinnigkeit in den steinernen Dickschädel gesetzt zu haben, dass man sich permanent mit ihm zu beschäftigen habe.
Das Wetter: ein Kind im Trotzalter?
Weshalb auch eine ganze Reihe von Fachleuten ihre Familien mit der Deutung und Vorhersage der Launen dieser Zimtschnalle zu ernähren vermögen.

Natürlich könnten wir ohne Wetter gar nicht fliegen, also sei es hier kurz mal auch gepriesen und gefeiert: ein Hoch auf die flauschigen Schäfchenwolken! Lang lebe der Bart!

Feind Nr.2, das ist der Luftraum. Kommt in den Alpen bisher noch nicht in größeren Mengen vor, hat sich aber in vielen Segelfluggegenden Deutschlands breitgemacht wie die Algenpest in der Nordsee; die Quallen im Mittelmeer, der Ölteppich im Nordatlantik oder die Steißgeweihtätowierung in gewissen Parallelgesellschaften. Und damit viele Segelfluggelände an den Rand der Betreibbarkeit gebracht.

3. Die eigene mangelhafte Kunst, das Können, die Übung, Erfahrung und Stümpertum sollten sich in einem ausgewogenen Verhältnis bewegen.


Modell II: innere Hemmnisse bzw. der Widerstand der Psyche:

a) Das Über-Ich ist zu aufgeblasen und so mächtig, dass man es ihm immer glaubt, wenn es anfängt, einem einzuflüstern (‚zu gefährlich, kannst du nicht, vielleicht kriegst du auch vor Schreck einen Herzinfarkt, wenn du den Platz nicht mehr siehst…’)

b) Der Schweinehund: dieser Fiesling teilt mir schon vor dem Aufstehen mit, dass das Wetter (s.o.) zu schlecht ist, die Hallentore zum Aufziehen zu schwer, die Sonne viel zu hell und die Beine zu müde, der Luftraum C zu tief und die Basis zu hoch sind, der Logger ist eh kaputt und in der TEK brütet ein vom Aussterben bedrohtes Insekt, das nicht gestört werden darf ... (!!!!)

c) der Zustand tief empfundener seelischer Verlassenheit, der sich einstellt, sobald die Gegend unter einem eine unbekannte Struktur aufweist. Hindernis c) ist das, welches mich am schwerwiegendsten befallen hat. In meinem Pschyrembel hab ich bisher noch keinen passenden Fachausdruck gefunden, der dieses Phänomen beschreibt, wahrscheinlich handelt es sich auch nur um eine stinklangweilige 0-8-15-Neurose, die in 2 Sitzungen bei der Psychologin zu beheben wäre. Dabei macht sichin der Seele etwas breit, was sich anfühlt wie die einsamste Einsamkeit aller Einsamkeiten, die das kosmische Nichts zu bieten hat, die Leere, das Vakuum, wird fühlbar, wenn der Flugplatz außer Sichtweite geraten ist, und im Gehirn gibt es bald nur noch einen Gedanken: zurück ans Schürzenzipfel von Mamma!!!, in diesem Fall: der Platzrunde. Hach! Wie wunderbar vertraut doch plötzlich der Hausbart ausschaut, für den man noch wenige Tage vorher kaum einen Penny gegeben hätte! Jetzt liebe ich dich, Hausbart, lass dich umarmen und verlass mich nie mehr wieder! Kleiner Exkurs in die Selbstreflektion: wahrscheinlich wird der Leser und die Leserin spätestens jetzt denken: „Die hat sie nicht mehr alle“. Hm. Stimmt. Zum Teil. Manchmal hab ich aber auch zuviel.  Auf alle Fälle ist jetzt schon klar: Dies ist eine gnadenlos subjektive, ja, subjektiv-tendenziöse Darstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Für technisch objektivierbare Daten wenden Sie sich an das Handbuch Ihres Vertrauens. Also: Streckenflugmobilität erhöht sich nicht nach Durchleben solcher psychischer Fiaskos.  Kann man sie grundsätzlich überwinden? Diese Frage ist für meine Person noch nicht endgültig geklärt, ich arbeite daran; die Methodik dabei umfasst die akribische Selbstbeobachtung und Feldforschung im Freilandexperiment.

Sehr gefreut habe ich mich über Hans-Georg Raschkes Einladung zu einem gemeinsamen Ausflug mit dem Duo Diskus der Siemens-Gruppe. Besser wie jedes Beruhigungsmittel wirkte das Vorhandensein des Klapptriebwerks, von welchem ich natürlich zu keinem Zeitpunkt annahm, es könne uns theoretisch und im Notfall seine Wirkung versagen.  Nein, solch defätistische Gedanken spielte mein Hirn nicht durch, obwohl das Thema durchaus von Hans zur Sprache gebracht worden war.  

Es dauerte bestimmt eine Woche, bis uns das Wetter die Möglichkeit zum Wegfliegen eröffnete, obwohl es an jenem Junimorgen um halb Neun auch gar nicht so aussah, als wären große Sprünge von längerer Dauer auch nur näherungsweise im Bereich des Wahrscheinlichen. So manches Stündchen verbrachte die D-KKSM dann einsam und abflugbereit in der Verlängerung, währenddessen wurden einige Becher Kaffee geleert und Hans’ Blick war stets wie angeheftet am grauen Gewölk, das sich über uns darbot und sich der Auflösung zu verweigern schien. Es gab Zeiten, da war es um unseren Abflug nicht gut bestellt. Aber zickig, wie die Wetterdiva nun mal ist, hoben sich die unansehnlichen, neodadaistisch gestalteten Stratiformen in angemessene Höhe, die Sonne kam durch, brach den miesen Zauber und hast du nicht gesehen lüpfte Paul uns noch vor Mittag hinter den Rechenberg und schmiss uns dann am Hochfelln raus.  Unserem Schicksal, dem Wind und den Bergen überlassen erlebte ich viereinhalb Stunden lang unglaubliche Dinge. Für Hans, den erfahrenen Hecht, kann ich natürlich nicht sprechen, aber ich glaube, dass er auch Momente hatte, in denen er seine Abgeklärtheit aufgab für Staunen und Aufsaugen einer prächtigen Landschaft, die zu beschreiben meiner sprachlichen Beschränktheit nicht möglich ist (ich kenne meine Grenzen).  Allein schon das Thermik kreisen mit dem Geier! Ein freundlicher Geier, tief konzentriert, wie wir,  suchend zog er seine Bahnen- was suchte er? Die Geierwalli?

Und dann: die Loferer. Die sind DER HAMMER! Dort möchte man nicht mit Ballerinas in der Gletscherspalte aufgefunden werden.  Schroff und schrundig, rau, zerklüftet von Spalten, verschorft wie ein Kinderknie,  unmenschlich, lebensabweisend. Es kommt mir mein Taunus in den Sinn. Sanfte, freundliche grüne Hügel, über denen ich auch schon mal sorgenvoll den Blick zu den verdammt hohen Bäumen gerichtet hatte, einst, als sie mir so bedrohlich nah schienen. Aber der ist nichts zu den Loferern. Die Loferer Steinberge verhalten sich zum Taunus wie der Pottwal zum Silberfischchen, der Kölner Dom zur Doppelhaushälfte,  wie die päpstliche Enzyklika zum evangelischen Wochenblatt, wie Casanova zu Kermit dem Frosch. Dem Laien bleibt schlicht die Luft weg. Und die Formulierungskunst. Schluss. Akute Wortfindungsstörung.

Weiter geht’s zu den Leogangern, die weit unspektakulärer im Panorama rumstehen wie die Loferer, aber dennoch ihren bizarren Reiz für mich versenden. (Versenden?? Aiaiai, hab wohl grad ne Funkstörung, sorry, das Wetter ist zu gut, ich brauch ne Pause vom Schreiben. Der Schreiberin sind ein paar Kumulanten ins Auge geraten…)

Bericht vom Dachstein, Teil 2

(Drehbuchanweisung: atemberaubende Kurbeleinsätze, begnadete Steigraten, aufwändige Spezialeffekte, sich durch Wolkenfetzen bahnbrechende Lichtkegel, beeindruckende Eindrücke)

Die Akteure:

  • Ein Duo Discus T
  • Paul, der Mensch von der Segelfliegerverschleppung Unterwössen
  • Hans-Georg Raschke vorn im Duo
  • Jede Menge Berge, (mit zahlreichen Kreuzen darauf, weshalb das Merkmal der Bekreuzung leider für den Laien nicht als Unterscheidungskriterium für die einzelnen Erdaufwerfungen herangezogen werden kann. Mein Verbesserungsvorschlag an die zuständigen Kreuzaufsteller:  wie wäre es, wenn man die Kruzifixe mit aus der Luft gut lesbaren Namensschildern des jeweiligen Bergs versehen würde? Man könnte die Aktion auch von Industrieunternehmen sponsern lassen;  „Airbus grüßt von der Sausteige“, oder so ähnlich. Oder man könnte die Kreuze stilistisch und in Form, Farbe und Größe etwas mehr ausdifferenzieren: Barock, Bauhaus, Neoklassizismus, etc.. eventuell auch mit Hinweisen:“Sie befinden sich hier“)
  • Ich-Erzählerin, im Duo die Besatzung hinten
  • Eine Schinkenstulle ( Frage an die Neurobiologen: warum nur riecht so ein Schinkenbrot im Segelflugzeug mit dem Dachstein auf Augenhöhe so unglaublich intensiv, sagen wir, ungefähr 20 Mal intensiver als dasselbe Weck im, „Fliegerstübchen“?)

Für Eilige eine kurze Zusammenfassung von  4 ½ Stunden und 279 Kilometern:

  • Kreisen mit Geier (wie schon erwähnt)
  • Fliegen mit Haube knapp an der Wolkenunterkante
  • Fliegen über einzelnen Wolkenfetzen
  • Einfangen unzähliger Fliegen an den Flächen des Fliegers (es dürften für längere Zeit keine mehr übrig sein im Ennstal, denn wir sind mit einem weißen Flugzeug gestartet und mit einem Schwarz-weiß-gescheckten gelandet)
  • Beinahe-Kaffee-Trinken in Zell am See (abartiges Absaufen am Hundstein)
  • Doch-nicht Kaffee-Trinken in Zell am See (stöhn, ächz, kämpf, „geh rum!“)
  • Wir fliegen superknapp unter der Wolkenbasis in Richtung Osten, da, die Bischofsmütze, endlich mal ein Berg, den man auch ohne Hinweistafel ohne Weiteres wieder erkennt, das Ennstal entlang und an Schladming vorbei, bis die Wolken immer tiefer werden und die Gipfel des Dachstein teilweise in ihnen verschwinden. Der Grimming trägt seineWolke wie die Queen ihren Hut in Ascot, woraufhin Hans den Umkehrschwung nach Hause einleitet. Zurück geht’s schön tief wie die Skifahrer die Hänge und Pisten entlang. Unter der Dunkelheit der Wolken zieht es wunderschön: 2m/s  nach oben,  im Sackflug; leider nicht dauerhaft, und schon geht der Kampf wieder weiter. Das schnellere und steilere Kurbeln bin ich nicht gewöhnt, und allmählich macht sich Erschöpfung breit. Das ist der Moment des Einsatzes der Schinkenstulle. (Regieanweisung: unerbittliches Magenknurren aus der Rückbank) Netterweise gibt mir Hans ein Stückchen ab; ich hatte wohl geglaubt, meinen Magen in Unterwössen zurückgelassen zu haben.

Hier höre ich das leise Gähnen der werten Leserschaft und unterbreche die tabellarische Darstellung; Leser, steh auf und klatsch ein paar mal in die Hände, das macht wieder wach! Ich sag nur noch:
Spektakuläre Strecke, wallende Wolken,  tiefe Täler, Seen, und die darstellerisch schon überstrapazierten Berge, Hänge, Spalten, Täler, temperamentvolle Thermik, sensationelles Saufen und zuletzt ein wunderbarer Heimflugschlenker über dem Chiemsee, welcher, spiegelglatt und postkartendekorativ vorsommerlich sonntäglich mit zartgliedrigen weißen Segelbooten dekoriert einer Geburtstagstorte gleich sich dem geneigten Auge darbot.


Vielen Dank, Hans, für den schönen Flug!!