Traumziele und Traumstrecken...

...oder die verpaßten 1000km

Für den 20. Juni 2000 war störungsfreies Streckenwetter für unseren Alpenraum vorhergesagt. Ich hoffte, es würde so gut wie am Tag vorher, an dem ich zum ersten Mal über die karnischen und julischen Alpen fast bis Bled vorgeflogen war. Daher sollte es heute noch einmal Richtung Slowenien gehen, um das Gebiet nach Möglichkeit etwas weiter zu erkunden. Bei der Startaufstellung am F-Schlepp in dritter Position, stand die gute alte LS6 D-7000 bereit für Abflugrichtung Südost. Da kam über Funk die Meldung, daß unsere Geitauer Fliegerfreunde gestern Zermatt umrundet hatten. Zermatt, bzw. das Matterhorn stellt für mich ein segelfliegerisches Traumziel dar und immer, wenn mich Flüge ins Oberengadin oder Rheintal getragen hatten, war da der erwartungsvolle Blick Richtung Furkapass: Ob es heute wohl klappen wird? Klar, daß die D-7000 nach dem Klinken mit neuem Kursziel unterwegs war. Allerdings mit Hoffen und Bangen: Möglicherweise war ich heute einen Tag zu spät dran? Und so war's dann auch. Nach problemlosem Queren des Inntales und schnellem Vorflug ins obere Engadin bei gut entwickelter Konvektion verloren sich die letzten Wolken auf der Linie Maloya/Chur. Bei Blauthermik ein unbekanntes Gebirge erfliegen ist nicht meine Sache, daher warf ich nach einigem Herumstochern zwischen Albula- und Julierpaß enttäuscht das Handtuch und steuerte in Richtung Pontresina. Am Muottas Muragl war die Thermik voll entwickelt und der Blick nach Osten machte Hoffnung auf einen Flug südlich des Ortlers vorbei nach Meran (noch eine Traumstrecke!), um nach Queren der Sarnthaler Anschluß zu finden an die Rennstrecke des Pustatales. Doch nach Überfliegen Livignos blaute es im Osten und Norden Bormios ebenfalls aus. Natürlich fliegt man diese Strecke im April oder frühen Mai, nicht aber Ende Juni! Also war wiederum ein Kurswechsel erforderlich, der um das Nordufer des Reschensees führte. Nach zweimaliger Enttäuschung und nun ohne Ziel war mir lediglich nach Panoramafliegen zu Mute. Die weitere Route ging soweit wie möglich direkt am Hauptkamm entlang. Über dem Venediger wechselte ich gar mal so zum Spaß auf die Alpensüdseite. Tief am Groß-Glockner vorbei führte mich der Flug bei Sportgastein wieder auf die Nordseite nur um festzustellen, daß der gesamte Ostalpenraum hervorragend entwickelt war.

Hatte den falschen Tag erwischt?

Hatte ich den Tag falsch eingeschätzt? Ein Blick auf die Uhr, ein Blick auf den Tacho: brutto 600km, da lag noch mehr drin! Vielleicht gar 1000km? Plötzlich hatte ich es sehr eilig. Bei Thermik von 3m integriert und Basishöhen von 3500m ging es rasch voran.  Nur bloß wie weit nach Osten vorfliegen, wo den zweiten freien Wendepunkt setzen? Die Funkkontakte mit im Westen fliegenden Freunden ließen nicht auf eine Wetterverschlechterung schließen. Über Schloß Admont begann ich den dritten Schenkel aufzuziehen. Die Bedingungen waren noch immer gut, ein Bart trug auf 4000m, aber ab Gasteiner Tal begannen die Wolken nicht mehr das zu halten, was sie vorher ausgezeichnet hatte. Die besten Aufwinde über Glockner, Venediger und den Zillertaler Alpen beendeten den Tag viel zu früh mit allgemeiner Überentwicklung und Auseinanderlaufen! Westlich des Kitzsteinhorns, in diffusem Licht, ging es noch einmal auf 3700m. Sparsames Gleiten, gelegentlich ein paar Meter Steigen. Das war's. Über dem Kreuzjoch in 3000 Metern Höhe hakte ich den 1000er ab und lenkte Richtung Hochgern. Die Überschußhöhe reichte noch für eine beschauliche Runde an das Südufer des Chiemsees. Nach einem Flug von 9,6 Stunden und 911km über drei freie Wendepunkte (brutto 1030km) landete ich in Unterwössen alles andere als frustriert, aber mit der Erkenntnis, daß die wenigen Wetterfenster für Langstreckenflüge, die uns in unserem Alpenraum zu Verfügung stehen, in Zukunft besser vorhergesagt und erkannt werden müssen. Dann sind Traumziele erreichbar, sind Flüge zum Matterhorn und Strecken von 1000km möglich!

Hans-Georg Raschke