Die ersten 500 km ...
... die dauern etwas länger.
Kühle abtrocknende Luft über den Alpenraum gerät unter Hochdruckeinfluß - so prognostiziert es der Wetterfrosch des österreichischen Teletext für den 25. Juni 1999.
Endlich "Frei"-Zeit und gutes Flugwetter. Die Zeit war reif für ein 500km-Dreieck - mein Erstes überhaupt. Nach all der Limmer'schen Streckenflugtheorie und den letztjährigen Trainingsflügen wollte ich es probieren. Trautenfels-Landeck-Bernau, also ein 550km-Dreieck sollte es sein. So fand ich mich am 25. Juni kurz vor 8 Uhr in Unterwössen ein, um mir eine LS4 zu sichern. Reibungslos wurden alle Startvorbereitungen getroffen. Nachdem alles startklar war, ließ auch die Thermik nicht lange auf sich warten. - 09:09 GMT. Ausgeklinkt am Rechenberg und gleich hinauf auf 2300 m NN Basishöhe - Fängt ja gut. Jetzt schnell zum Abflugpunkt Dassu-Halle und danach wieder zurück zum Rechenberg, um wieder auf Basishöhe zu gehen. Glücklicherweise stand der Bart immer noch da.
1. Teil: Unterwössen-Trautenfels
30 min später wurde es ernst. Vorsichtig ging es mit McCready 0,5 zur Steinplatte, um nicht gleich in St. Johann zu sitzen. Die Thermik an der Steinplatte war wie 'fast' immer zur Stelle und so ging's langsam weiter auf der Standardroute über das Loferer Ulrichshorn, quer über das Leoganger Tal zu den Südhängen bei Saalbach und dem Bergrücken folgend stets nahe der Basis bis zum Saalfeldner Becken. Spürbar verringerte sich das Steigen und prompt kam auch die erste Warnung von Gustl Leyendecker weiter östlich. Ich glitt vorsichtig hinüber zum Hundstein, sammelte bei der schwachen Thermik ein paar Höhenmeter und tastete mich, immer im GPS-Gleitwegbereich von Zell am See langsam weiter östlich vor. Da an ein Queren des Pongaus zu Hochgrindeck derzeit nicht zu denken war, ohne eine Außenlandung zu riskieren, "parkte" ich gut 10 Minuten und mußte mich mit weniger als 0,5 m/s Steigen begnügen. Wenigstens konnte ich meine Höhe halten und mußte nicht wieder zurückfliegen. Mit jeden 50 Höhenmetern wurde die Thermik besser und ich zuversichtlicher, so daß ich mich bei 2500 m NN entschloß, den Sprung übers Pongau zum Hochgrindeck zu wagen, welches mich mit unerwarteten 3 m/s Steigen empfing. Nun ging es bei voll entwickelter Thermik schnell weiter Richtung Ennstal, doch den 5 m/s am Sender des Roßbrandt konnte und wollte ich nicht widerstehen. Mit "wagemutiger", aber hoffnungslos zu geringer Sollfahrteinstellung folgte ich der tollen Wolkenstraße vorbei am Dachstein, hinüber zum Stoderzinken und erreichte so fast ohne einen Kreis den Gipfel des Grimming: Höhe tanken, und zum Fototermin nach Trautenfels. Zur Belohnung einen Schluck aus der Wasserflasche. Die erste Wende war erreicht - 11:45 GMT.
2. Teil: Trautenfels - Landeck
Gustl hatte schon vor mir Trautenfels passiert und folgte wie ich der nördlichen Gipfelkette des Ennstales westwärts. Erste Zweifel am Gelingen schossen mir kurz durch den Kopf bei der GPS-Anzeige: 250 km bis nach Landeck. Mein Schnitt bisher war wirklich nicht toll, doch es geht ja besser. Begleitet von weiteren Streckenfliegern ging's auf den gleichem Weg zurück zum Roßbrandt, von dort querte ich direkt hinüber zum Hochkönig, wo mich satte 4 m/s Steigen vom vorgelagerten Südwestggrat wieder auf Basishöhe brachten. Richtung Kaiser war alles blau, so steuerte ich, wegen einer großen Abschattung um Zell am See, vorsichtig Richtung Pinzgau. Die Abschattung zeigte Wirkung. Mühsam zentrierte ich mäßiges Steigen an der Südwestseite des Hundstein. Geleitet von den schönen Wolken bis hinauf zum Gerlos, brach ich das Steigen nach kurzem Höhengewinn ab und steuerte hinüber zur Schmittenhöhe, die mich nach kurzem Suchen mit gutem Steigen auf 2700 m NN brachte. Immer im respektvollem Abstand zu den Gleitschirmen, Drachen und anderem "Fliegzeug", was sich hier herumtreibt, erreichte ich doch etwas zäh das Kreuzjoch, wo 3000 m NN Höhe für die Mühe entschädigten. Beim Queren des Zillertales Richtung Kellerjoch, funkte ich Innsbruck zwecks Freigabe zur Bettelwurfspitze an. Doch nun stellte sich heraus, dass mein Funk oder genauer meine Batterie sich langsam dem Ende näherte. Nach mehrmaligen "lauten" Sprechen meinerseits gab der Kontroller auf und gab mir die gewünschte Freigabe mit der Bitte mein Funkgerät zu checken. An der Bettelwurfspitze angekommen meldete ich mich so gut es ging bei Innsbruck ab, schaltete Funk und GPS aus, um nicht auch noch mein Vario zu verlieren. Noch lagen gut 200 km vor mir. Ohne auch nur ans Abbrechen zu denken, vermied ich die Kontrollzone von Innsbruck, tankte ausreichend Höhe bei einem kräftigen Bart am Karwendelgrat und erreichte die Ostseite der Mieminger. Nach 200m Höhengewinn in den starken, zerrissenen Thermikblasen der Hohen Munde nahm ich direkten Kurs auf den Tschirgant - laut Kalkreuth und Co den Thermikberg schlechthin - den ich in Gipfelhöhe zu erreichen hoffte. Kurz darauf ging's nur noch abwärts, aber wie. Meine Höhe schmolz wie Schnee im Föhnsturm, 8-10 m/s Saufen. Was passiert mit mir? Lee - der leichte Nordwestwind hatte anscheinend aufgefrischt und an der Südseite der Mieminger für das Lee gesorgt. So orientierte ich mich schnell zur Talmitte hin, weg vom Lee - zum Umdrehen war ich bereits zu tief. Doch das Lee gab nicht auf und der Tschirgant entschwand aus meinen Augen. Nur ein kleiner bewaldeter Bergrücken nördlich Silz mitten im Inntal stoppte meinen Sturzflug - 1500 m in 8 Minuten. Streckenflug ade. Schon machte ich eine Wiese neben einem Bauernhof aus - sollte ich da sitzen? Schätzungsweise knapp 250 m über den Bergrücken blieben mir noch - ich konnte die Leute winken sehen - als ein naher Aussichtsturm mir Hoffnung und 0,5 m/s Steigen gab. Es reichte für knapp 150 m Höhengewinn, bis auch diese Thermikquelle versiegte. Gut 10 Minuten graste ich die Umgebung ab, als mir ein abendlicher Gleitschirmflieger einen schwachen Bart zeigte. Bekanntlich ernährt sich ja das Eichhörnchen mühsam, wie ich auch. So ging's Meter für Meter nach oben, und langsam konnte ich wieder aufatmen. Nach ca. 400 m querte ich zum Tschirgantrücken und erreichte den Gipfel knapp unter der Hangkante; und der Tschirgant blieb seinen Ruf als Thermikberg treu, 4 m/s Steigen. "Back in Business". Umdrehen oder Weiterfliegen? Quälend stellte ich mir diese Frage. Mittlerweile war es 17:00 local. Heimwärts, durch den Rückenwind kein Problem, aber 20 km vor der zweiten Wende aufgeben? 30 Minuten, so schätzte ich, benötige ich nach Landeck, die Thermik steht noch gut über den hohen Bergen und der Tag ist noch lang so kurz vor Johanni. Also Weiterfliegen! Fly high and Save (no Lee) - ohne Probleme ging's weiter über die hohen Lechtaler zur zweiten Wende Landeck-Trisannamündung - 15:30 GMT.
3. Teil: Landeck - Unterwössen
Ziemlich spät ist es mittlerweile geworden. 18:00 local zeigt meine Uhr. Über den hohen Gipfeln zeigen sich die Cumuli immer kleiner und zerfahrener: Thermikabschwächung. Erste Gedanken, ob Du überhaupt nach Hause kommst, kommen auf. Mut machen mir nur noch meine 3400 m NN, so komme ich zumindest bis Seefeld. Zurück versuche ich so hoch wie möglich zu bleiben, was mir auch bis zum Rücksprung an die Mieminger gelingt. Jetzt bleibe ich auf der Nordwestseite, wo kein Lee droht. Ich komme gerade mal in Gipfelhöhe an und schraube mich 200 m rauf - dann ist Schluß. Weiter im Hangaufwind, welcher gerade reicht, mich knapp über den Gipfel bis zur Hohen Munde zu halten. Krampfhaft suche ich nach den Resten der letzen Thermik, aber über eine Null gemittelt geht's nicht hinaus. Die Höhe reicht jetzt leicht bis Innsbruck, nur ohne Funk in die Kontrollzone - nicht möglich. Hoffnung gibt mir nur noch ein ziemlich großer Cumulus über der Hohen Gleirsch an der Westseite des Karwendels. Doch meine Höhe reicht gerade um das Seefelder Tal zu queren. Schon ergebe ich mich in mein Schicksal, als unverhofft mitten über dem Tal das Vario Steigen anzeigt. Kein Thermikauslöser weit und breit. Erst Sekunden später kreise ich ein. Welch Wunder, mein Höhenmesser steigt um 300 m, dann ist Schluß. Gott sei Dank, jetzt ist der Thermikanschluß an den immer noch prächtigen Cumulus sicher und ich befinde mich nach kurzem Suchen im 2 m/s Thermikfahrstuhl nach oben wieder. Stetig dem Grat bis zum Ostende folgend, schattet der vorher noch helfende Cumulus hier die Thermik deutlich ab. Die leichte Leeturbulenz des NW-Windes tut ein Übriges. Ich gleite durch bis zum markanten Horn bei Maurach südwestlich des Rofan, und komme knapp unter dem Gipfel an. Die wenigen Thermikreste reichen nur noch, mich auf Höhe zu halten. So umkreise ich den Gipfel, bis einige Gleitschirme taleinwärts steigen, und versuche nun an deren Glück teilzuhaben. 200 m hat's gebracht. Sichtlich froh, einigermaßen nervenschonend bis nach Kufstein zu kommen, folge ich dem Inntal ostwärts, vermeide aber ins Lee des Rofan zu kommen. Dies wäre das Aus. An den bewaldeten Hügeln nördlich von Wörgl helfen mir nacheinander zwei schwache Thermikblasen jeweils 200 m Höhe zu gewinnen. Um 19:30 local erreiche ich in Höhe des Pendling Kufstein, wo man sicherlich schon bei einem Bier zusammen sitzt - kein Heimschlepp. Rechnerisch reicht meine Höhe nicht nach Unterwössen, aber für Kufstein ist es eindeutig zu viel. Hatte Hans Limmer uns nicht auf den Hangwind am Zahmen Kaiser hingewiesen, welcher so manchem noch spät die Heimkehr möglich machte? Ja richtig, sollte dies heute auch für mich gelten? Mit der Gewißheit, jederzeit zurück nach Kufstein zu kommen, querte ich das Inntal. Angespannt blickte ich auf das Vario, als die Hangkante erreicht war. Zögerlich tauschte das Vario das stetige Sinken durch eine ruhige knappe Null aus, und so schlich ich mich stetig auf gleicher Höhe dem Hang folgend, näher zum Platz. Endlich, südlich des Walchsees zeigt auch meine Gleitweganzeige aufwärts, die ich seit Kufstein nicht mehr aus den Augen gelassen habe - ich sollte Unterwössen erreichen. Vario aus, Funk ein.
Mittlerweile wurde in Unterwössen aus Sorge ein Suchflug organisiert. Gerade als ich den Klobenstein passierte rief mich Gustl aus dem startenden Motorsegler. Mehrmals setzte ich Funksprüche ab. Aber erst als der Motorsegler mir entgegenkam wurde ich gesichtet und es gab Entwarnung. In 400 m über dem Platz angekommen, ging's noch zum Abschlußfoto über die Marquartsteiner Bogenbrücke und ich landete: abgekämpft aber glücklich, es nach Hause geschafft zu haben - 18:03 GMT. Bereits im Licht der Dämmerung schoß ich das Abschlußfoto. Nach Auswertung des Fluges lagen 549,6 km, 8h 54' (ca. 62 km/h) und ein wahrhaft erlebnisreicher Flug hinter mir.
Das erste 500er dauert halt etwas länger und benötigt manchmal eine Extraportion Sitzfleisch.
Peter Stahl





